Für Frieden kämpfen - das ist richtig Arbeit
Ruhrwort, 23.02.08, uw
Dr. Deselaers kam aus Auschwitz zum Gespräch mit Gymnasiasten nach Hamborn
Er erzählte seine Lebensgeschichte - und doch kreiste das Gespräch keineswegs nur um seine Person. Von großer Rhetorik war im Vortrag von Dr. Manfred Deselaers keine Spur. Und doch beeindruckte der Leiter des Zentrums für Dialog und Gebet in Oswiecim (Auschwitz) etwa 100 Zehntklässler/-innen des Hamborner Abtei-Gvmnasiums. Was die 16-Jährigen zwei Schulstunden lang zu fast stillen Zuhörern machte, war eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit dem schlimmsten Teil deutscher Geschichte. Denn Dr. Deselaers, Priester des Bistums Aachen, lebt seit 17 Jahren als Deutscher in der 16000-Einwohner-Gemeinde, wo Schätzungen zufolge bis 1945 über eine Million Menschen ermordet wurden. Weil die NS-Besatzung Oswiecim Auschwitz nannte und die Welt damit allein die schreckliche Geschichte des Orts verbindet, verwendet Deselaers den deutschen Namen kaum. "Mein erster Besuch in Oswiecim 1973 war ein Schock" sagt er. Er sah den Ort des großen Lagers, neun Dörfer hatten ihm weichen müssen. "Und der Holocaust, das war zu meiner Schulzeit noch kein Unterrichtsthema."
"Warum hast du nichts erzählt", fragte der 18-Jährige noch am Ort der Vernichtung im Brief seinen Vater. Deselaers heute: "Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass die Deutschen, wie ich sie kenne, eine solche Todesmaschinerie möglich gemacht hatten."
Nach der Schilderung dieses ersten Auschwitz-Besuches und anderer Lebensstationen folgen im Vortrag vor den Schülern entscheidende Sätze. "Normal sein", so der hagere 53-Jährige, "reicht nach dem Holocaust im Einsatz für Versöhnung einfach nicht aus." Der Priester spricht auch von der Völker verbindenden Kraft. Sie lernte er auch durch die Aktion Sühnezeichen kennen. "Auf Frieden muss man sich nicht weniger vorbereiten wie ein Soldat auf den Krieg." Klar wird den Schülern: Es sind Begegnungen mit Menschen. die vor einer Wiederholung von Rassenhass und Shoah schützen. "Nach Polen bin ich nicht gekommen, um an Büchern zu arbeiten", sagt der Theologe. Er promovierte über Gott und das Böse, über die Verantwortung des zunächst katholisch aufgewachsenen Auschwitzer Lagerkommandanten Rudolf Höß vor Gott und den Menschen.
Für die Begegnung mit Menschen lebt Deselaers, der dafür auch vom polnischen Staat ausgezeichnet wurde, heute im Zentrum für Dialog und Gebet und in einer Pfarrgemeinde in Oswiecim. Ob das einem Deutschen an diesem Ort nicht schwerfällt, fragt eine Schülerin vor dem Gong zum Stundenschluss. "Ich habe mit Menschen zu tun", wiederholt er ohne Pathos. Er berichtet: Das braucht Mühe, Zeit. Gerade sein unspektakuläres Statement überzeugt. "Auschwitz war Vernichtung von Menschen", sagt Deselaers. "Dazu Vernichtung zwischenmenschlicher Beziehungen." Dieses Vertrauen neu aufzubauen: "Das ist richtig Arbeit."

WAZ - Duisburg Nord, 18.02.2008, Von Nadine Parchem
Besuch aus Auschwitz gab es für die zehnte Klasse des Abtei-Gymnasiums. Manfred Deselaers lebt dort seit 17 Jahren. Er will die Erinnerung aufrecht erhalten. "Man kann Auschwitz nicht mit Diskussionen anfangen", beginnt der Priester Manfred Deselaers das Gespräch mit den Schülern des Abtei-Gymnasiums. "Anfangen muss man mit dem Kennenlernen der erschütternden Fakten und der Erfahrung, dass alle Worte zurückbleiben hinter dem, was da geschehen ist.
Erst dann beginnt er den Schülern der zehnten Klasse von seiner Arbeit in der Stadt Oswiecim (Auschwitz) zu berichten. Im "Zentrum für Dialog und Gebet" sieht er seine Aufgabe in der deutsch-polnischen und christlich-jüdischen Versöhnungsarbeit.
So geht es in dem Gespräch nicht etwa um die Zahlen und Fakten, die man aus dem Geschichtsunterricht kennt. Für Manfred Deselaers geht es vor allem um eines: "Die Schüler sollen begreifen, dass Erinnerung lebendig ist. Ob nun in Auschwitz oder hier. Die Frage ist nur: Stellen wir uns diesem dunklen Kapitel oder nicht?" Und die Schüler wollten sich stellen. Dabei ist es nicht leicht, eine zehnte Klasse für zwei Stunden dazu zu bringen, ruhig zu sitzen und andächtig einem Vortrag zu lauschen. Doch das funktionierte einwandfrei.
"Ich fand es sehr wichtig zu erfahren, dass wir keine Schuld als Deutsche haben, sondern als Menschen", berichtet Josefine Brittinger nach dem bewegenden Gespräch - und ihr Klassenkamerad Nicolas Berg meint: "Mich haben die unterschiedlichen Sichtweisen sehr bewegt. Während wir Deutsche denken ,Das war einmal' leben die Juden mit dem Bewusstsein, dass so etwas jeder Zeit wieder passieren könnte."
Die Reaktionen der zehnten Klasse zeigen Manfred Deselaers, dass sein Besuch den gewünschten Effekt hatte. Denn als er angefangen hat, sich mit dem düsteren Kapitel "Auschwitz" auseinander zu setzten, beschäftigte ihn vor allem eines: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Deutschen, die ich kenne, so etwas machen konnten."
"Es war aber möglich", sagt er betroffen. "Also müssen wir doch begreifen, wie groß unsere Verantwortung ist." Schließlich sei die Verachtung von Gruppen auch heute nichts Besonderes, und auch die Verfolgung der Juden habe mal klein angefangen.
So entlässt er die Schüler nach seinem Vortrag mit dem Wunsch ehemaliger Häftlinge: "Seid Menschen, die ein Herz haben. "Manfred Deselaers wurde 1955 in Düsseldorf geboren. Nach dem Abitur in Viersen studierte ein Semester Jura und lebte danach für anderthalb Jahre in Israel. Dort kümmerte er sich um körperbehinderte Kinder. Nach seiner Rückkehr studierte er Theologie und wurde 1983 in Aachen zum Priester geweiht. Seine Doktorarbeit lautete "Gott und das Böse im Hinblick auf die Biographie von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz". Seit 1991 lebt er auch dort und leitet seit 2001 das "Zentrum für Dialog und Gebet".









