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Wer stirbt morgen, wer übermorgen ...

„Wir haben gespielt ‚Wer stirbt morgen, wer stirbt übermorgen?‘“ Was wie ein Satz aus einem Horrorfilm klingt, war für die elfjährige Sara Atzmon im Konzentrationslager Bergen-Belsen traurige und erschreckende Realität. Es sind solche Sätze, die sich dem lebhaften Vortrag der 85-jährigen immer wieder entringen wie ein Gedankenblitz und dann im Raum stehen, deplatziert und zugleich auch nicht. Um der Jugend von ihren Erlebnissen zu berichten, ist Atzmon trotz fortgeschrittenen Alters seit Jahren in aller Welt unterwegs. Ihr wichtiges Anliegen führte sie jetzt vom 7. bis 14. November nach Duisburg-Hamborn ins Abtei-Gymnasium, wo sie zunächst in der Aula vor etwa 350 Schülerinnen und Schülern der 9. bis 12. Klassen einen schonungslosen Vortrag hielt, der sich nicht im Historischen, Vergangenen, Kategorisierten erschöpfte, sondern eindrucksvoll zeigte, dass es in Geschichte nicht um Jahreszahlen, sondern um Menschen geht.

Zu Botschaftern von Frieden und gegenseitigem Respekt ernannte die in Ungarn geborene Zeitzeugin die jungen Zuschauer. Schon zu Beginn war klar, dass diese sich nicht einfach zurücklehnen konnten, um sich aus gemütlicher Perspektive in vergangene Zeiten versetzen zu lassen. „Wer kennt von euch Juden“, fragte Atzmon, um dann zu steigern: „Was machen Juden falsch, dass sie so gehasst werden? Warum muss man sie vernichten?“ Provokante Fragen, die nicht nur den Schülern den Hals zuschnürten. Leider sind es auch nach über 70 Jahren noch immer aktuelle Fragen, wie das Mahnmalprojekt von Christina van Laack zeigt, das eng mit dem Besuch Atzmons verknüpft ist. Die Geschichtslehrerin und ihre Kollegin Katharina Middendorf, die am Abtei Kunst unterrichtet, hatten sie eingeladen, um zusammen das Gedenken an die Shoa an unserer Schule noch weiter zu vertiefen und neue Blickwinkel zu finden. Im Unterricht wurden Fragen erarbeitet, die der Zeitzeugin von sichtlich betroffenen Schülerinnen und Schülern zum Teil gestellt wurden, zum Teil aber auch nicht, wenn es für einige zu viel war. Man kann froh sein, dass diese Zeiten lange vorbei sind. Daran, dass sie wiederkommen können, ließ die Zeitzeugin keine Zweifel, und auch die Zuhörer – jung wie alt – schienen nicht (mehr?) so überzeugt davon.

Nach dem anderthalbstündigen Vortrag durften einige Schülerinnen und Schüler in einem zweitägigen Workshop unter Anleitung von Sara Atzmon und Katharina Middendorf ihre eigene Kunstfertigkeit zeigen. Großformatige Gemälde ihrer eigenen Werke hat die Künstlerin auf ihrer Vortragsreise dabei. Sie schmückten am Donnerstag die Aula: Szenen des Unsagbaren in expressionistischer Ausdrucksstärke. Der Blick der Künstlerin, aber auch immer der des Kindes im Viehwaggon oder im Ghetto. Die Oberstufenschüler ließen sich offensichtlich davon inspirieren. Auch hier dominierten Anspielungen an Verfolgung, Krieg, KZ. Bilder von Bahnwaggons, Soldaten, Baracken und Tod, die zuvor weite Teile des Vortrags dominiert hatten, fanden sich nun in Acryl, Kreide, Blei- und Buntstift oder Sprayfarbe im Kunstraum wieder. Zu verarbeiten gab es viel, selbst wenn man eigentlich „nur“ 90 Minuten Vortrag hinter sich hatte. Und Sara Atzmon ging durchaus nicht unkritisch mit den Nachwuchstalenten um, auch wenn sie einräumte: „Das ist Kunst. Jeder geht da anders heran.“ Für die Israelin ist Kunst von größter individueller aber auch gesellschaftlicher Bedeutung: „Kunst ist eine Möglichkeit, etwas leichter zu machen, weil die echten Bilder zu dramatisch sind, zu schwer. Wie kann man 50.000 Leichen in Bergen-Belsen zeigen?“ Doch auch das Ansehen der echten Bilder und der Besuch von Gedenkstätten seien wichtig, ebenso wie das Erinnern an die Zeitzeugen, von denen es schon heute nicht mehr viele gebe.

Nach dem Wochenende stand dann die Kunst erneut im Zentrum, denn ausgestellt wurden die Kunstwerke der Schülerinnen und Schüler im Duisburger Lehmbruck-Museum. Frau Middendorf hatte den Kontakt zwischen Sara Atzmon und dem Museum hergestellt und eine Ausstellung der Kunstwerke organisiert. Die Gäste aus Politik, Gemeinden und lokaler Wirtschaft bestaunten die in kurzer Zeit entstandenen Zeichnungen und Malereien für ihre Kreativität und den Tiefgang. Dies eröffnete Frau van Laack zudem die Möglichkeit, die mit ihrer Schülerarbeitsgruppe entwickelten Mahnmale in einem passenden Rahmen zu präsentieren: künstlerisch zwar auch, aber in erster Linie als Gebrauchsgegenstand gedacht. Aufrütteln, erinnern, vielleicht abschrecken sollen die „Klötze“ aus Beton, die sinnbildlich Individualität und Menschlichkeit erdrücken. Die Schülerin Sera Demiral hatte den Entwurf eigentlich für ein großes Mahnmal erdacht, für das sich aber einfach kein geeigneter Platz in der Stadt fand. Also wurde die Idee kurzerhand geändert und das Ergebnis zu sogenannten „Multiples“ geändert, verkleinerte und nicht völlig identische Versionen des ursprünglichen Entwurfs von etwa 25 cm Größe. Diese werden in 18 Geschäften, Gemeinden und Behörden aufgestellt und sind mit einem Barcode versehen, der interessierte Betrachter einlädt, auf der Projekthomepage weitere Beiträge der Schülerinnen und Schüler in Augenschein zu nehmen, z.B. Berichte von Besuchen in Auschwitz. Für das Projekt wurden die Schüler jetzt auch mit dem Margot-Spielmann-Preis 2018 ausgezeichnet. In ihrer Rede ging Christina van Laack auch auf die Reaktionen ein, die das Projekt in rechten Kreisen im Internet erzeugte, wo z.B. von „Schuldkult“ die Rede war. „Ihr habt diese Reaktionen jedoch nicht als Rückschlag empfunden, sondern als Bestätigung unserer Arbeit und als Ansporn, weiterzumachen. Und das finde ich sehr stark,“ lobte sie die Jugendlichen, die mit ihr engagiert und mit großem Einsatz an Zeit und Arbeit das Projekt entwickelt haben, damit „die Erinnerung […] in unseren Alltag einziehen“ kann, wie van Laack forderte. Die jungen Künstler, die mit Sara Atzmon im Workshop gearbeitet hatten, kamen ebenfalls zu Wort und äußerten sich angetan von der Arbeit mit einer „echten“ Künstlerin. Zugleich zeigten sie, dass die thematische Arbeit – im Workshop oder im Mahnmalprojekt – nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen ist. Das, was Generalvikar Klaus Pfeffer in seiner Rede hervorhob, werden sie sich zu Herzen nehmen. Es sei sehr wichtig, „diese Mahnung an unsere Vergangenheit und unsere Geschichte, hier in Duisburg und weit darüber hinaus, lebendig zu halten und nicht zu vergessen, was hier geschehen ist.“

Für das Abtei-Gymnasium und die Schülerinnen und Schüler, die Sara Atzmon erleben durften, war der Besuch sicherlich ein besonderer Anlass. Gedenken an den Holocaust wird hier aber auch sonst zunehmend großgeschrieben, zum Beispiel durch die Fahrten nach Auschwitz, ins Anne-Frank-Haus oder nach Kamp Vught, aus denen heraus das Mahnmalprojekt erwuchs. Wie ein Gedenken in einer Zukunft ohne Zeitzeugen aussehen kann, wird auch schon überlegt. Wer jedoch Sara Atzmon in der Aula, im Kunstraum oder im Museum erlebt hat, wird zustimmen, dass solche Begegnungen kaum zu ersetzen sind.

 

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