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Am Abtei bilden wir Schülerinnen und Schüler zu „Erinnerungsbotschaftern“ aus.

Das bedeutet, sie tragen die Geschichte der Überlebenden weiter, wenn sie selbst es nicht mehr können. In einer Erinnerungskultur ohne Zeitzeugen ist diese Aufgabe umso wichtiger. Die Nazis hatten den Anspruch, nicht nur alle Jüdinnen und Juden in Europa auszulöschen, sondern auch jede Erinnerung an sie. Das verhindern wir, indem wir ihre Geschichten weitererzählen! Die Schülerinnen und Schüler sind dann die „Erinnerungsbotschafter“ für die jeweilige Biografie. Der Begriff ist für das Bistum Essen als Wort-/Bildmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragen.

Uns ist es wichtig, die Geschichte als „Erinnerungsbotschafter“ weiterzutragen!

Zur Geschichte der Familie Goldfarb

Mich hat an der Geschichte berührt, dass die Leute, den das passiert ist hier bei uns in der Nähe gelebt haben und das die Tochter sogar auf die gleiche Schule gegangen ist wie wir heute. Außerdem hat mich berührt, dass in der Geschichte auch die „grüne Bude“ vorkam, die ich heute noch kenne. Jedes Mal wenn ich jetzt an dieser Bude vorbeikommen werde ich an diese Geschichte denken.

Schülerin, 10a

 

Was mich sehr mitgenommen hat und mir in Gedanken bleibt, war die Tatsache, dass die zwei Kinder also Bernard und Edith ihre Familie einfach nicht mehr sehen konnten und nicht wussten was mit Ihnen passiert ist. Das ist schon schlimm, wenn man nicht weiß was mit den eigenen Eltern passiert und man sie dann nie wiedersieht. Sowas wünscht man niemandem.

Henrik, 10a

 

An der Geschichte der Familie Goldfarb berührt mich, dass die Kinder Bernard und Edith lange nicht wussten, was mit ihren Eltern geschehen war und sie sie nie wiedersahen.

Außerdem beschäftigt mich das Gefühl, wenn ich durch den Hamborner Altmarkt laufe, vielleicht genau dort entlangzulaufen, wo einst die Familie Goldfarb lief, bevor ihre Familie und ihr Leben ungerecht von den Nationalsozialisten zerstört wurde.

Nico, 10a

 

Die Geschichte der jüdischen Familie aus Hamborn während des Zweiten Weltkrieges zeigt, wie die Verfolgung Millionen von Leben zerstört hat. Sie macht deutlich, dass hinter dem Holocaust persönliche Schicksale stehen, und erinnert uns daran, diese Geschichte im Gedächtnis zu behalten. Gerade weil sich diese in unserer unmittelbaren Umgebung abgespiegelt hat, wird besonders deutlich, wie schlimm diese Zeit war.

Kristina, 10a

 

Die Familie Goldfarb aus Hamborn

Edith Goldfarb wurde 1925 geboren. Sie war Schülerin des Abtei-Gymnasiums bis 1938. Sie und ihr kleiner Bruder Bernard, der 1928 zur Welt kam, und später der ganz kleine Bruder Leo wohnten zusammen mit den Eltern in der Nähe des Hamborner Altmarktes in der Emscherstraße. Noch heute erinnern Stolpersteine an die Familie Goldfarb.

Edith und Bernard gingen oft zu der Grünen Bude auf dem Altmarkt, die noch heute dort steht. Heute kann man dort Döner kaufen, damals war es noch eine Trinkhalle, die auch Süßigkeiten verkaufte. Bernard liebte es, rautenförmige Lakritz-Pastillen auf seinen Handrücken zu legen, sodass sie sich wie ein Stern ausfalten. Wenn er alles perfekt angerichtet hatte, konnte er den Stern von seinem Handrücken abschlecken.

Edith besuchte das Abtei-Gymnasium, das damals noch von Nonnen geführt wurde. Wenn der Religionsunterricht stattfand, sollte sie eigentlich draußen auf dem Gang Aufgaben erledigen; doch darauf schaute niemand nach. Edith konnte also ganz in Ruhe ihre geliebten Bücher lesen. Sie mochte diese Stunden sehr. Das Abtei-Gymnasium wurde, wie alle anderen Bistumsschulen auch, geschlossen. Edith musste zu einer anderen Schule gehen.

Am 9. November 1938 fand deutschlandweit die Reichspogromnacht statt, die die Nazis zynisch „Reichskristallnacht“ nannten. Schlägertrupps der SA, aber auch ganz normale Bürger zerstörten jüdische Geschäfte, Hauseingänge und Synagogen. Viele wurden sogar angezündet. Juden waren auf den Straßen und auch in ihren eigenen Häusern nicht mehr sicher. Viele wurden verprügelt, gejagt oder sogar in dieser Nacht getötet. Bernard verkroch sich aus Angst unter seinem Bett. Als am nächsten Morgen die jüdischen Geschäftsinhaber die Scherben wegräumen müssten, schauen die anderen nur zu. Niemand empört sich. Bernard kann das nicht verstehen.

Später hörten Edith und Bernard, wie sich die Eltern besorgt miteinander unterhielten. Der Vater wollte Edith und Bernard ins Ausland bringen. Die Eltern hatten gehört, dass die Holländerin Truus Wijsmüller einen sogenannten Kindertransport organisieren würde, um Kinder aus jüdischen Familien ins Ausland zu retten, damit die Nazis sie nicht holen würden. Bernard und Edith kamen in einem Kinderheim in Amsterdam unter. Die Niederländerin Truus Wijsmüller hat mit ihrem Kindertransporten viele Kinder aus Deutschland vor den Nazis gerettet und selbst in Amsterdam betreut. Bernard traf dort seinen Freund Leo Pergrycht, mit dem er sehr gern mit den anderen Jungs Fußball spielte. Zu seinem Geburtstag bekam er sogar von den Eltern rote Fußballschuhe zugeschickt, die er über alles liebte. Mit Leo würde Bernard für den Rest seines Lebens befreundet bleiben.

Im Heim in Amsterdam schrieben Edith und Bernard noch oft mit den Eltern hin und her. Sie erfuhren jedoch nicht alles, was zu Hause los war, denn die Eltern wollten ihnen keine Angst machen.

1940 marschierten die Nazis auch in die Niederlande ein. Die Kinder mussten plötzlich fliehen und auf das letzte Schiff steigen, das die Niederland verlassen konnte. Sie konnten nichts mitnehmen, außer dem, was sie am Leib trugen. Bernard musste sogar seine geliebten roten Fußballschuhe zurücklassen, was er für den Rest seines Lebens nicht vergessen würde. Obwohl das Schiff beim Auslaufen beschossen wurde, schafften sie es aus dem Hafen.

In England arbeitete Edith bereits, während Bernard zunächst noch zur Schule ging. Zwischendurch arbeitete er als Strandfotograf. 1944 heiratete Edith sogar in London. Ihr Mann Bob reiste nach Kriegsende zurück ins Ruhrgebiet, um Nachforschungen darüber anzustellen, war aus seiner Familie und der Ediths und Bernards geworden ist. Als Bob von seinen Nachforschungen im Ruhrgebiet zurückkehrte, konnte er leider nur schlechte Nachrichten mitbringen. Ediths und Bernards Eltern waren gemeinsam mit dem kleinen Bruder Leo deportiert worden und vermutlich nicht mehr am Leben.

Inzwischen hatte man herausgefunden, was mit den Eltern und dem kleinen Leo passiert war. Zunächst mussten sie in ein sogenanntes Judenhaus umziehen, wo sie auf engstem Raum mit anderen Familien zusammenleben mussten. Von dort wurden sie schließlich im Dezember 1939 nach Riga deportiert.

Edith und ihr Mann Bob gingen nach dem Krieg in die USA, wo sie eine Tochter bekamen. Bernard besuchte sie dort, doch eigentlich wollte er in England bleiben. Nach einiger Zeit konnte Edith ihn doch dazu überreden, ebenfalls auszuwandern. Auch Bernard heiratete später und gründete eine Familie. 2007 kehrte er sogar einmal nach Duisburg-Hamborn zurück. Die Stadt Duisburg hatte die Menschen, die damals vor dem Krieg fliehen mussten, eingeladen, die alte Heimat wieder einmal zu besuchen. Bernard war sogar bei der Verlegung der Stolpersteine für seine Eltern und seinen kleinen Bruder Leo am Hamborner Altmarkt dabei. Die Stolpersteinverlegung wurde von einem Reliktkurs vom Abtei-Gymnasium organisiert. 2023 legten wir zusammen mit 14 Nachfahren von Bernard für ihn und Edith Stolpersteine zu denen der Eltern und Leos.