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Ich muss diese Erfahrung weitergeben

Als wir in der Schule von der Möglichkeit erfuhren, die KZ-Gedenkstätte Auschwitz in Polen besichtigen zu können, dachte ich nur „Ja warum nicht dahin fahren. Dann bin ich auch in Polen gewesen und kann mir noch ein Land abhaken.

“ Auschwitz I...um ehrlich zu sein, wusste ich noch nicht mal, dass es mehr als ein Lager in Auschwitz gibt, aber es gibt anscheinend sogar drei.

Ich bekomme das Gerät, mit dessen Hilfe die Führung für uns auf Kopfhörer übertragen wird, damit an diesem Ort nicht so laut gesprochen werden muss, und wir gehen raus auf das Gelände. Wir bleiben stehen, unser Guide erzählt uns von einigen Dingen, die sich hier abspielten. Was ich jedoch aufnehme ist etwas anderes:

„ARBEIT MACHT FREI“ – so der Bogen über dem „Eingang“. Darunter zwei Frauen, welche für ein Selfie posieren. Unfassbar was manche Menschen sich denken. Viel schlimmer noch: Sie denken wohl gar nicht.

Es sieht alles aus, wie man es sich vorgestellt hat. Alles geordnet, die Häuser sind regelmäßig und geordnet aneinandergereiht, kein Zeichen der Individualität ist vorhanden. Die Atmosphäre ist düster, noch ist es Mittag, aber man fühlt sich bedrückt wie tief in der Nacht. Man merkt direkt, dass dieser Ort Macht und absolute Kontrolle ausstrahlt.

Nachdem uns das meiste von draußen gezeigt wurde, gehen wir wir in eines der vielen Häuser Innen wurde alles umgestaltet zu einer Ausstellung, aber ein „Museums-Feeling“ hat es nicht. Ein Museum ist im Gegensatz hierzu viel zu harmlos. Man sieht Bilder und Dokumente von früher, von Menschen, die registriert wurden, von den Tötungsbefehlen. Und im Hinterkopf immer die Aufschrift „ARBEIT MACHT FREI“. Mit jedem weiteren Bild, Dokument und Ausstellungsstück wird mir klar, dass die Aufschrift nicht lügt. Sie schufteten bis sie starben.

Wir gehen in das Haus, das an die Kinderopfer aus dem Holocaust erinnert. An der Wand sieht man Zeichnungen, von den Kindern damals, welche von einer Künstlerin auf die Wand übertragen wurden. Man erkennt alle möglichen Intentionen der Bilder. Ein Kind hatte Hoffnung, das andere Kind will seine Eltern stolz machen, ein weiteres Kind ist traurig und ein anderes Kind kocht vor Wut und sehnt sich nach Rache. All diese Emotionen spürt man bis unter die Haut, allein nur vom Betrachten der Zeichnungen. Ich glaube keiner will wissen, wie viel schlimmer es dann für die Kinder gewesen sein muss, die alles tatsächlich miterlebt haben.

Nach der Führung laufen wir wieder unter dem Bogen mit der Aufschrift „ARBEIT MACHT FREI“ durch, von diesen Worten habe ich erst einmal genug.

Am nächsten Tag sind wir in Auschwitz-Birkenau. Auschwitz II. Es schneit und es ist ziemlich kalt, trotz Winterjacke, Schal, Pullover, T-Shirt, Winterschuhen und zwei Paar Socken. Damals war es oft noch viel kälter und die Menschen waren nicht annähernd so dicht bekleidet wie ich. Es muss die Hölle gewesen sein.

Das erste was mir am Vernichtungslager auffällt: ich sehe kein Ende.

Ich schaue nach vorne, rechts, links. Überall verlaufen die Wege bis in den Horizont, es ist keine Abgrenzung, kein Zaun oder keine Mauer zu sehen. Der Guide sagt, es sind etwa 140 Hektar. Ein Hektar sind 10.000 Quadratmeter. 140 Hektar… und die Nazis wollten die Anlage noch weiter ausbauen.

Wir besuchen einige Baracken, eine war nur für Menschen mit Krankheiten und Infektionen. Die Baracke für Quarantäne. Andere Baracken waren jeweils nur für Frauen, nur für Männer, nur für Kinder. Dass kleine Kinder getrennt von den Eltern leben mussten, ist unfassbar. Mir kommt es so vor, als hätten die SS-Offiziere kein Sinn für Menschlichkeit gehabt. Weitere Baracken sind auch noch in der Ferne zu sehen, man glaubt dieses Lager sei unendlich groß, bis wir tatsächlich an eine Abgrenzung kommen nahe dem Denkmal an der „Rampe“, die Endstation der Züge, und somit auch die Endstation für die Menschen damals. Wir sind so weit gelaufen, man kann den Eingang nicht mehr sehen. So weit mussten manche Menschen rennen, um überhaupt zu versuchen aus dem Vernichtungslager zu flüchten. Vor allem noch in dieser Kälte ist es einem unvorstellbar.

Und immer kommt mir die Aufschrift „ARBEIT MACHT FREI“ in den Sinn. Gerade hier merkt man, wie lächerlich diese Aussage eigentlich ist.

Man hat in den Lagern viel gelernt. Viel aus der Vergangenheit und viel für die Zukunft. Trotz Frust und teilweise auch Wut, ist man einfach nur froh, nicht unter solchen Umständen gelebt zu haben. Nach dem Besuch der Gedenkstätten ist mir als Schüler die Wichtigkeit der Vergangenheit viel bewusster geworden und ich weiß, ich muss diese Erfahrung weitergeben!

Min Gyu, 2018

 

Meine eigene Familie war betroffen Zu wissen, dass die eigene Familie in Auschwitz war ist etwas anderes, als die Namen in Dokumenten stehen zu sehen. Man ist direkt an dem Ort, an dem sie untergebracht und getötet wurden. Man kann die Ausmaße der Anlagen und des Grauens erkennen. Man entwickelt ein viel besseres Bewusstsein für die damaligen Geschehnisse, wenn man sich die Lager anschaut und dabei die Erzählungen der Zeitzeugen und der Verwandten im Hinterkopf hat.

Anna, 2018